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Montag, 05.01.2009 | Drucken |
"Ihr sagt, es gäbe keine humanitäre Krise in Gaza. Sagt mal, seid ihr noch normal?" Amira Hass im "Haaretz" über das tatsächliche tägliche Sterben der Palästinenser
Drei Stunden nachdem die IDF ihre Militäroperation im Gaza-Streifen begann, um etwa 22:30 Samstag nachmittag, schlug eine Granate oder Rakete im Haus von Hussein al-Awaidi und seinen Brüdern ein. Einundzwanzig Leute leben in diesem isolierten Haus, das in einem landwirtschaftlichem Gebiet des Gaza-Viertels Zeitoun liegt. Fünf dieser Leute wurden durch den Anschlag verletzt: Zwei Frauen in ihren Achtzigern (seine Mutter und seine Tante), sein 14-jähriger Sohn, seine 13-jährige Nichte und sein 10-jähriger Neffe.
Zwanzig Stunden später, bluteten die Verwundeten weiterhin in einem Schuppen im Hof des Hauses. Es gab keine Elektrizität, keine Wärme, kein Wasser. Ihre Verwandten waren mit ihnen, aber jedes Mal, wenn sie versuchten den Hof zu verlassen, um Wasser zu holen, schoss die Armee auf sie.
Al-Awaidi versuchte Hilfe über sein Mobiltelefon herbeizurufen, aber Gazas Mobilfunk-Netzwerk ist am Kollabieren. Granaten haben Transponder getroffen, es gab keine Elektrizität und kein Diesel, um die Generatoren am Laufen zu halten. Jedes Mal, wenn das Telefon funktioniert, ist es wie ein halbes Wunder.
Etwa um Mittag am Sonntag, konnte Al-Awaidi endlich S. erreichen, der mich widerum anrief. Es gab nichts anderes, was S. hätte tun können, der in der Nähe [von Al-Awaidi] wohnte.
Ich kannte Al-Awaidi schon seit drei Jahren; Ich rief “Physicians for Human Rights”1Ärzte für Menschenrechte[»]. Sie riefen ihrerseits die Kontaktperson der israelischen Armee an, um die Evakuierung der Verwundeten zu koordinieren. Das war kurz nach Mittag - und bis zum Presseschluß hatte sich die Kontaktperson nicht zurückgerufen.
In der Zwischenzeit hatte jemand anderes es geschafft, die Rote-Kreuz-Gesellschaft zu erreichen. Diese rief das Rote Kreuz an und bat dieses, die Evakuierung der Verwundeten mit der IDF zu koordinieren. Das war um 10:30 - und bis zum Presseschluß am Sonntag abend, war das Rote Kreuz nicht in der Lage, dies zu tun.
Während ich am Telefon mit der PHR war, etwa um Mittag, hatte H. angerufen. Er wollte nur berichten: Zwei Kinder, Ahmed Sabih und Mohammed al-Mashharawi, 10 und 11, sind auf das Dach eines Hauses in Gaza-Stadt gestiegen, um Wasser über ein Feuer zu erhitzen. Es gibt keine Elektrizität oder Gas, also blieb ihnen nur Feuer übrig.
Panzer spucken Granaten, Helikopter regnen Feuer herunter und Kampfflugzeuge erzeugen Erdbeben. Aber es ist immer noch schwierig für Leute zu begreifen, dass das Erhitzen von Wasser nicht minder gefährlich ist, wie der Beitritt zum militärischen Flügel der Hamas.
Eine IDF-Rakete traf die beiden Jungs, brachte Ahmed um und verletzte Mohammed gefährlich. Später am Sonntag berichtete eine Internetseite vom Tod der beiden. Aber H.s Mobiltelefon funktionierte nicht, also konnte ich den Bericht nicht verifizieren.
Und es machte keinen Sinn, H.s Festnetznummer zu versuchen: Eine Bombe hatte das gesamte Telefonnetz seiner Nachbarschaft am Samstag zerstört. Das Ziel war ein Druckladen (noch eines der “militärischen” Ziele des israelischen Militärs). Dessen Besitzer, ein pensionierter Mitarbeiter der UNRWA, hat seine gesamte Pension in diesen Laden investiert.
In B.s Nachbarschaft haben die Bomben die Wasserhauptleitungen getroffen, also hatte sie kein Wasser seit gestern vormittag. “Ich bin es bereits gewöhnt, ohne Elektrizität auszukommen” sagte sie. “Es gibt kein Fernsehen, aber ich höre, was los ist von Freunden, die mich anrufen. Ein Freund aus dem Libanon, ein anderer aus Haifa. Und Ramallah. Aber wie sollen wir ohne Wasser auskommen?”
A. hat seine Sicht der Dinge so dargestellt: “Ich halte meine Kinder fern vom Fenster, weil F-16 Kampfjets in der Luft sind; Ich verbiete ihnen unten zu spielen, weil es gefährlich ist. Sie bomben uns vom See (westlich gelegen), vom Osten und aus der Luft. Wenn das Telefon funktioniert, erzählen uns Leute von Verwandten und Freunden, die getötet wurden. Meine Frau weint die ganze Zeit. Nachts umarmt sie die Kinder und weint. Es ist kalt und die Fenster sind offen; es gibt Feuer und Rauch auf offenen Flächen; zuhause gibt es kein Wasser, keine Elektrizität und kein Heizgas. Und ihr [Israelis] sagt, es gäbe keine humanitäre Krise in Gaza. Sagt mal, seid ihr noch normal?”
Besten Dank an Omar Abo-Namous (www.toomuchcookies.net) für die Übersetzung des Artikels. Der Originalartikel wurde von Amira Hass in Israel geschrieben und von Haaretz unter dem Titel “No humanitarian crisis in Gaza?” veröffentlicht.
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