Strassenschlacht in Nordengland
Abu Bashir, der örtliche Chef der Muslem-Gemeinschaft,forderte im britischen Rundfunk die Polizei auf, mehr junge Asiaten in ihre Reihen einzugliedern
London - Ältere Muslime sahen ungläubig zu. "Das sind doch unsere Autos, die da angesteckt werden", sagte der 30-jährige Farouq Amin. Abu Bashir, der örtliche Chef der Muslim-Gemeinschaft, forderte im britischen Rundfunk die Polizei auf, mehr junge Asiaten in ihre Reihen einzugliedern. Andere Muslimische Sprecher bemängelten, die Beamten hätten "fast nur Farbige und kaum Neonazis festgenommen". All das gelte es jetzt zu untersuchen. Aber dafür ist es reichlich spät: In Bradford ist das Kind schon in den Brunnen gefallen.
Auch der anglikanische Bischof von Bradford, David Smith, war machtlos. Auf dem Höhepunkt der Krawalle ging er mitten in der Nacht zum Sonntag in Bradford auf die Straße, um für Ruhe zu plädieren.
Doch seine Bitte blieb im Lärm rivalisierender Gruppen und der Polizei unerhört. In seiner Einschätzung der Lage klang Resignation mit: "Die Erwachsenen in unserer Gesellschaft sind entsetzt über das, was geschieht. Aber wir müssen uns alle zusammensetzen und herausfinden, was die Jugend zu diesem Handeln motiviert."
Die Rassenunruhen zwischen arbeitslosen jungen Farbigen aus Pakistan und Bangladesch, deren Großeltern in den fünfziger Jahren von den inzwischen geschlossenen Baumwoll-Spinnereien in Nordengland aus ihrer Heimat angeworben worden waren, und Krawallmachern der weißen, neonazistischen Nationalen Front gelten als die schlimmsten und gefährlichsten seit etlichen Jahren. 120 Polizeibeamte wurden bei den nächtlichen Straßenkämpfen verletzt, 36 Jugendliche - darunter 23 Asiaten - festgenommen.
Von Neonazis ausgelöst
Auslöser scheint ausgerechnet ein Demonstrationsverbot gewesen zu sein, das Innenminister David Blunkett in der vergangenen Woche gegen die Nationale Front (NF) ausgesprochen hatte: Bis zum 27. September sind in Bradford alle Märsche und Umzüge der kahlgeschorenen NF-Anhänger in ihren Lederjacken, hohen Stiefeln und Sonnenbrillen strikt untersagt. Als bekannt wurde, dass sie sich am Samstag dennoch in einem Pub im Stadtzentrum versammelten, rief die "Anti-Nazi-Liga"#39;, der in Bradford vor allem jugendliche Farbige nahe stehen, auf dem zentral gelegenen "Centenary Square" ihrerseits zu einer Kundgebung auf. Diese begann zunächst friedlich, doch die Polizei hatte das Konfliktpotenzial weit unterschätzt.
Einige Dutzend Neonazis brachen wie auf Kommando aus ihrer Kneipe heraus und brüllten rassistische Parolen gegen die etwa 500 farbigen Demonstranten, die auf Sichtweite vor ihnen standen.
Alles Weitere entwickelte sich innerhalb weniger Sekunden beinahe von selbst: Die Übermacht der jungen Pakistani und Bangladeshi reagierte mit Gewalt. Und obgleich es den rund um den Platz versammelten Polizisten zunächst gelang, die beiden Gruppen noch auseinander zu halten,verbreiteten sich die Unruhen schnell über die ganze Stadt.
So wurde der Stadtteil Manningham in der Nacht zum Sonntag regelrecht zu einem Schlachtfeld. "Was hier passiert, ist schrecklich. Es gibt dafür keine Rechtfertigung", meinte Mohammed Riaz, einer der führenden ethnischen Vertreter.
Mehr als tausend Jugendliche rissen Ziegel und Pflastersteine aus Mauern und Straßen und bombardierten die Polizei, die mit Kampfanzügen und Plastikschilden aufmarschiert war.
Sie stürzten Autos um und zündeten die Fahrzeuge an. Sie warfen Brandbomben und zwangen die Polizisten immer wieder, sich auf Straßenkämpfe einzulassen. Mindestens zwei Weiße erlitten Stichwunden; beide gehörten offenbar der neonazistischen Szene an.
Der Hintergrund der Unruhen in den einst blühenden nordenglischen Industriestädten um Manchester und Leeds ist immer derselbe: Jugendliche Farbige aus den moslemischen Teilen des indischen Subkontinents fühlen sich ausgebeutet und unterprivilegiert.
Kurz danach kam es zu Straßenkämpfen jugendlicher Demonstranten mit der Polizei. Dort gab es eine besonders starke neonazistische Gruppe, die später bei den britischen Parlamentswahlen im Juni 16 Prozent der Stimmen erhielt.
Solche faschistischen Banden in verfallenden Stadtvierteln haben in Nordengland immer wieder die Auflehnungsbereitschaft muslemischer Jugendlicher provoziert. Aus ganz Nordengland, aus Manchester und Liverpool im Westen und aus Leeds im Südosten, mussten etliche Hundert Beamte erst eilends nach Bradford in West Yorkshire herangeschafft werden.
Der zuständige Polizeichef Stuart Hide sprach von "sinnloser Kriminalität" und betonte, für derlei Zerstörungswut könne es "keine Entschuldigung geben". Doch seine Beamten sahen sich im Lauf der Nacht mehrfach zum taktischen Rückzug, also zur Preisgabe ganzer Straßenzüge gezwungen.
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