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Montag, 30.10.2017


Rabbiner Homolka: "Christliches Abendland" ist ein Mythos

Homolka: sogenannte "christliche Abendland" stellte bislang Jahrhunderte der Verfolgung, Unterdrückung und Ausgrenzung im Namen Jesu dar - Judentum gibt Denkanstöße für modernen Islam - gesamte Rede in der Frauenkirche, Dresden (LINK)

Dresden (KNA) Der Berliner Rabbiner und Hochschullehrer Walter Homolka hat den Begriff "christliches Abendland" als irreführende Projektion kritisiert. Es handele sich um einen "Mythos, der auch heute noch für die Sicherung der innersten Werte Europas bemüht wird", schreibt der Rektor des Rabbinerseminars Abraham Geiger Kolleg in der "Sächsischen Zeitung".

"Das 'christliche Abendland' taugt nicht als Referenzrahmen für eine moderne Gesellschaft, die durch eine Vielstimmigkeit religiöser Positionen bereichert wird." Homolka erinnerte daran, wie im frühen 19. Jahrhundert am "Tiefpunkt des politischen Einflusses von Religion" Novalis und Friedrich Schlegel das Konzept eines "christlichen Abendlands" entwarfen - als "romantischen Begriff nostalgischer Rückschau". Daraus habe Friedrich Wilhelm IV. von Preußen seine Idee vom "christlichen Staat" entwickelt, in dem Juden jedoch "keinerlei Autorität über christliche Untertanen ausüben konnten: nicht als Beamte, nicht als Offiziere, nicht als ordentliche Professoren an preußischen Universitäten".

Für Juden sei die Idee eines christlichen Abendlandes "nicht ungefährlich", so der Professor für Jüdische Religionsphilosophie der Neuzeit an der Universität Potsdam. Jahrhunderte der Verfolgung, Unterdrückung und Ausgrenzung im Namen Jesu hätten sich "eingeprägt in die Erinnerung eines Volkes, das es im 'christlichen Abendland' alles andere als leicht hatte und wenig Toleranz erfuhr". Der offene Dialog zwischen Juden- und Christentum heute sei das Ergebnis eines langen Prozesses, so der liberale Rabbiner.

Weiter sprach der Berliner Rabbiner und Hochschullehrer Walter Homolka in seinem Vortrag in der Dresdener Frauenkirche von einem Denkanstoß für eine Modernisierung des Islam. "Vielleicht können wir Juden dem Islam dabei behilflich sein, Erfahrungen auszutauschen, wie man der Tradition gerecht wird und dennoch mit den Erfordernissen der Moderne zurechtkommt", sagte der Rektor des Potsdamer Rabbinerseminars "Abraham Geiger Kolleg" am Montagabend in der Dresdner Frauenkirche laut Redemanuskript.

So sei etwa das Konzept "Landesrecht bricht Religionsrecht" wesentlich für das Verständnis des jüdischen Rechts geworden. "Eine solche Relativierungsmöglichkeit der religiösen Anforderungen gegenüber den gesetzlichen Rahmenbedingungen des Staates sollte sich auch in der Scharia denken lassen", sagte Homolka. Die Suche des Judentums nach Emanzipation in der deutschen Gesellschaft seit dem 19. Jahrhundert könne "paradigmatisch sein für die Frage nach einer pluralistischen Gesellschaft und ihren Werten".

Der liberale Rabbiner erklärte: "Man kann sagen, dass wir Juden in Europa in erheblichem Maße von der Relativierung religiöser Wahrheit profitiert haben." Der heute offene Dialog zwischen Juden- und Christentum sei das Ergebnis eines langen Prozesses: "Letztlich hat erst das Trauma des Holocaust den nötigen Bruch der Kirchen mit ihrem Traum von der absoluten Wahrheit herbeigeführt." Aus der "Bankrotterklärung christlicher Ethik" im Dritten Reich und dem "Versagen" der Kirchen vor der Aufgabe, die Juden wirksam vor der Ermordung zu schützen, habe sich nach dem Zweiten Weltkrieg schrittweise ein Ansatz für ein neues Miteinander von Christen und Juden ergeben.

Des Weiteren äußerte Homolka sich zum dritten Jahrestag der islamfeindlichen Pegida-Bewegung. "Seit den Kundgebungen von Pegida & Co. liegt ein Makel bleiern auf Dresden, einer Stadt, die gerne als weltoffen wahrgenommen wird und von dieser Weltoffenheit auch lange profitiert hat." Zugleich würdigte er die Gegenproteste. Vielen Bürgern sei es an diesem Tag ein Anliegen, deutlich zu machen: "Wir können Pluralismus aushalten."


Pegida hatte für Samstag eine Demonstration mit 5.000 Teilnehmern angemeldet; zu diversen Gegenkundgebungen wurden rund 3.000 Menschen erwartet. Seit 2014 demonstrieren fast jeden Montag Anhänger der "Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" in Dresdens Altstadt. Zuletzt waren es Schätzungen zufolge jeweils zwischen 1.500 und 2.000 Demonstranten.