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Donnerstag, 02.11.2017

Gründungsurkunde des Nahostkonflikts?

Vor 100 Jahren veröffentlichte London die Balfour-Deklaration - Errichtung einer "jüdischen Heimstatt" in Palästina - Rechte der Araber sollten gewahrt bleiben

Jerusalem (KNA) Der verfluchte Krieg nahm für Großbritannien kein Ende. Auf den Schlachtfeldern Flanderns und Nordfrankreichs waren bereits Hunderttausende Briten im Kampf gegen Deutschland gefallen. Dessen U-Boote schnürten wichtigen Nachschub ab. Englands Verbündeter, das revolutionäre Russland, drohte auszufallen, Frankreichs Armee war nach drei Kriegsjahren erschöpft, der Kriegseintritt der USA zeigte noch kaum Wirkung und die Türken leisteten im Nahen Osten zähen Widerstand. In dieser Lage erkaufte sich London mit der Balfour-Deklaration vom 2. November 1917 die Unterstützung der einflussreichen Zionistischen Weltorganisation. Die knappe Erklärung des britischen Außenministers Arthur Balfour war eine der folgenschwersten des Jahrhunderts."

Die Regierung Seiner Majestät betrachtet mit Wohlwollen die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina und wird ihr Bestes tun, die Erreichung dieses Zieles zu erleichtern", heißt es in dem Schreiben an den Bankier und Lord Lionel Walter Rothschild, einen der führenden Zionisten Englands. Freilich fügte Balfour hinzu, die Rechte der nichtjüdischen Gemeinschaften in Palästina dürften dadurch nicht in Frage gestellt werden.Rothschild nannte die Zusicherung "das größte Ereignis in der jüdischen Geschichte der letzten 1.800 Jahre". Die Rückkehr der seit ihrer Vertreibung durch die Römer in alle Welt zerstreuten, immer wieder grausam verfolgten Juden ins Gelobte Land, der Traum von Zionistenführer Theodor Herzl (gestorben 1904), schien mit Hilfe einer europäischen Großmacht endlich Gestalt anzunehmen, sobald die Türken erst einmal vertrieben waren.

Nüchtern betrachtet aber handelte es sich bei der Balfour-Deklaration um einen ziemlich unverfrorenen Deal. Da sicherte ein britischer Minister einem britisch-zionistischen Lord die Unterstützung in einer Weltgegend zu, die England noch gar nicht erobert und deren arabische Bevölkerung - die übergroße Mehrheit der Bewohner Palästinas - keinen blassen Schimmer von derlei Absprachen hatte.Im Gegenteil: Noch glaubten die Araber einer englischen Zusage aus dem Jahr 1915, die auch ihnen einen eigenen Nationalstaat als Gegenleistung für Hilfe gegen die Türken in Aussicht stellte - inklusive Palästina. 1916 begann daraufhin der arabische Aufstand unter Führung des Engländers Thomas Edward Lawrence."Betrügerisch und schamlos" nennt der deutsch-israelische Historiker Michael Wolffsohn dieses Versprechen an die Araber. Denn in Wahrheit verfolgte London nur die eigenen imperialistischen Ziele: Im Sykes-Picot-Abkommen vom Mai 1916 teilten Großbritannien und Frankreich den Nahen Osten unter sich auf. London beanspruchte Palästina, das heutige Jordanien und den Irak als strategisch wichtige Landbrücke nach Britisch-Indien und nahm die Gebiete bis 1918 in Besitz. "Auf dreiste Weise versprach es allen alles und behielt es schließlich selbst", urteilt Wolffsohn.

Nach dem Sieg fiel den Engländern ihre Kriegsdiplomatie mit Getöse auf die Füße. 1922 wurde Palästina britisches Mandatsgebiet und die Balfour-Deklaration als Teil der Mandatsakte völkerrechtlich verbindlich. Während Zionisten nun auf eine möglichst ungebremste jüdische Einwanderung drängten, um die Staatswerdung voranzutreiben, und immer mehr Land aufkauften, wehrten sich die palästinensischen Araber. Schon Anfang der 1920er Jahre kam es in Jerusalem und Jaffa zu Auseinandersetzungen. Daraufhin militarisierten sich auch Teile des Jishuv, der jüdischen Community in Palästina. England versuchte diesen Hexenkessel nach seinem bewährten Kolonialrezept "Teile und Herrsche" zu kontrollieren, indem es mal dieser, mal jener Seite entgegenkam.

Die jüdische Einwanderung diente London dabei als Stellschraube. 1918 standen in Palästina 66.000 Juden 573.000 Arabern gegenüber. Im Jahr 1936 hatte sich das Verhältnis auf 370.000 zu 955.000 verschoben. Die jüdischen Neusiedler kamen vor allem aus Osteuropa und Nazideutschland. Doch ausgerechnet während des Zweiten Weltkriegs und dem Grauen des Holocaust sperrten die Briten das Land für jüdische Migranten, um die arabische Seite im Kampf gegen die Deutschen halbwegs ruhig zu halten.

Der antisemitische Massenmord in Europa machte die Notwendigkeit einer sicheren jüdischen Heimat dann umso drängender. 1947 zogen sich die erschöpften Briten unter dem Eindruck radikalzionistischer Terroranschläge aus Palästina zurück und überließen die Entscheidung der UN. Sie stimmte gegen erbitterten arabischen Widerstand einem Teilungsplan zu, der 1948 zur Gründung des Staates Israel führte - und einer Geschichte von Kriegen, Vertreibung und Leid, die die Welt bis heute erschüttert.

Dementsprechend umstritten bleibt die Balfour-Deklaration. Für Araber ist das Dokument schlicht die Gründungsurkunde des Nahostkonflikts, aus Sicht vieler Israelis dagegen der notwendige erste Schritt zu einer gerechten Staatsgründung. Zum 100. Jahrestag am Donnerstag haben palästinensische Gruppen Demonstrationen in Israel und London angekündigt. Die arabisch-israelische Knessetabgeordnete Aida Touma-Suleiman sagte, Balfour habe das palästinensische Volk, das zum Zeitpunkt der Erklärung 90 Prozent der Bevölkerung Palästinas ausgemacht habe, seiner nationalen und politischen Rechte beraubt und den Weg zur Vertreibung der Palästinenser im Jahr 1948 bereitet.

Die Palästinensische Autonomiebehörde forderte in dieser Woche sogar eine offizielle Entschuldigung der britischen Regierung für das Dokument. Deren Botschaft in Tel Aviv reagierte kühl: Großbritannien sei stolz auf seinen Beitrag zur Errichtung des Staates Israel.