Newsinternational Montag, 10.06.2002 |  Drucken


Muslimischer Student der US-Elitehochschule Harvard erhielt wegen Dschihad-Rede Todesdrohungen. Alles, weil keiner weiss, was Dschihad eigentlich heisst

Der Skandal war aber vor allem einer, weil sich alle aufregten, aber kaum jemand den Inhalt der Rede kannte. Der Vortrag unter strengen Sicherheitsvorkehrungen trug schlagartig zur Entspannung bei und veranlasste viele Zuhörer sogar zu Standing OvationsDer Skandal war aber vor allem einer, weil sich alle aufregten, aber kaum jemand den Inhalt der Rede kannte. Der Vortrag unter strengen Sicherheitsvorkehrungen trug schlagartig zur Entspannung bei und veranlasste viele Zuhörer sogar zu Standing Ovations

Der 22-jährige Zayed Yasin, der an der US-Elitehochschule Harvard auch Präsident der Islamischen Gesellschaft war, bekam als einer von drei Studenten die ehrenvollen Aufgabe, eine Rede zum Semesterbeginn und zur Zeugnisvergabe zu halten. Doch als im Vorfeld der Titel seiner Rede "Über Treue und Staatsbürgerschaft: Mein amerikanischer Dschihad" durchsickerte, hagelte es sofort Proteste.

Kommilitonen setzten eine Petition in Gang, die Yasins Rede verhindern sollte. 600 unterschrieben. Viele Zeitungen rissen sich um die Story. Kurz nach Bekanntwerden seines Vorhabens wurde Yasin als Sympathisant der Terroristen vom 11. September gebrandmarkt und bekam per E-Mail sogar eine Todesdrohung.

Obwohl sich sogar Harvard-Präsident Lawrence Summer demonstrativ hinter Yasin stellte, änderte der praktizierende Muslim den Titel, indem er den zweiten Teil einfach wegließ. Summers hatte betont, dass Offenheit anderen gegenüber gerade an einer Universität unverzichtbar sei.

Der Skandal war aber vor allem einer, weil sich alle aufregten, aber kaum jemand den Inhalt der Rede kannte. Der Vortrag unter strengen Sicherheitsvorkehrungen trug schlagartig zur Entspannung bei und veranlasste viele Zuhörer sogar zu Standing Ovations.

Yasin begann mit den Worten "Ich bin einer von euch. Aber ich bin auch einer von denen" und nahm damit Bezug auf sein Leben als Muslim und Amerikaner nach dem 11. September. Das Wort "Dschihad" sei ein häufig falsch gebrauchter und missinterpretierter Begriff, sagte Yasin. Für ihn bedeute Dschihad "Anstrengung, das Richtige und das Gerechte zu tun". Muslime und Nicht-Muslime, die den Begriff missbrauchten, seien zu verurteilen, ergänzte Yasin.

Ursprünglich bedeutet Dschihad "sich auf dem Wege Gottes anstrengen". Ein Aspekt ist die Verteidigung, der Kampf gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit. Yasin, flankiert von zwei Polizisten, forderte seine Kommilitonen auf, eine "gerechtere, friedlichere globale Gesellschaft zu formen". Nach der Rede, die allen Vorab-Kritiken den Boden entzog, erntete Yasin viel Zuspruch - Erholung nach dem Sturm der Entrüstung, der ihm vorher entgegengeschlagen war.





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