Newsnational Dienstag, 02.07.2019 |  Drucken

„Eine Heldin der Zivilcourage“ – 10. Todestag von Marwa El-Sherbini

Der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) gedenkte der am 1.Juli 2009 ermordeten Marwa El-Sherbini.

Am 01.Juli 2009 wurde die damals im dritten Monat schwangere Marwa El-Sherbini während einer Gerichtsverhandlung, in der sie als Zeugin gegen den rechtsradikalen Angeklagten Alex W. aussagte (wegen früherer rassistischer Beschimpfungen gegen sie, die er schriftlich gegenüber dem Amtsrichter wiederholte), durch achtzehn Messerstiche durch den Angeklagten ermordet; vor den Augen u.a. ihres Ehemannes, ihres damals drei Jahre alten Sohnes und des Richters in den Räumen des Landesgerichts Dresden. Das Motiv war Islamhass, Muslimfeindlichkeit und Rassismus. Der Ehemann, der seiner Frau zur Hilfe eilte, wurde ebenfalls vom Mörder und einem später herbeieilenden Polizisten, der ihn fälschlich als den Täter ausmachte, lebensgefährlich verletzt. Der Mörder von Marwa El-Sherbini und ihres ungeborenen Kindes wurde zu einer lebenslänglichen Haft verurteilt. Am gestrigen Montag, den 1. Juli 2019 gedachte man am ihren 10. Todestag.


Pressekonferenz: ZMD-Vorsitzender Aiman Mazyek und Stephan Kramer (ehem. Generalsekretär des Zentralrats der Juden) stellen sich den Fragen der Presse

Pressekonferenz: ZMD-Vorsitzender Aiman Mazyek und Stephan Kramer (ehem. Generalsekretär des Zentralrats der Juden) stellen sich den Fragen der Presse
Der Auftakt begann mit einer Pressekonferenz in dem ZMD-Vorsitzender Aiman Mazyek zusammen mit dem ehemaligen Generalsekretär des Zentralrats der Juden Stephan J. Kramer Eingangsstatements zum Marwa El-Sherbini Tag äußerten. „Gewalt wird immer mehr von der Mitte der Gesellschaft toleriert“, warnte Kramer. Immer häufiger gebe es Übergriffe auf der Straße gegen Menschen, die einfach nur anders aussehen. Es gebe eine „neue Form von Terrorismus“. Dabei würden „blanker Hass und Chaos gesät“. Dem müsse mehr Solidarität untereinander entgegengesetzt werden. „Wir müssen füreinander einstehen“, forderte Kramer.

„Wir sind in den vergangenen zehn Jahren nicht so entscheidend weitergekommen“, sagte Mazyek mit Blick auf den wachsenden Rechtsextremismus. Rassismus sei über Jahre unterschätzt worden. Es sei zu sehr weggesehen worden. „Wir fordern vom Rechtsstaat, unserer weltoffenen Gesellschaft Schutz zu gewähren und sich stärker mit Rechtsradikalismus auseinanderzusetzen“, betonte er.


Bei der Gedenkveranstaltung wurden bei der Gedenktafel von Marwa El-Sherbini Rosen abgelegt

Bei der Gedenkveranstaltung wurden bei der Gedenktafel von Marwa El-Sherbini Rosen abgelegt
Der „International Marwa El-Sherbini Preis“

Der Zentralrat der Muslime in Deutschland stiftete gemeinsam mit anderen Religionsgemeinschaften zu ehren von Marwa El-Sherbini den „Internationale Marwa El-Sherbini-Preis für Zivilcourage“. Dieser werde immer an ihrem Todestag verliehen. Dieses Jahr geht der Preis an Mevlüde Genç aus Deutschland und Farid Ahmad aus Neuseeland.

Zur Begründung für die Auswahl der beiden PreisträgerInnen verweist der ZMD darauf, dass den PreisträgerInnen nicht nur gemeinsam ist, dass sie durch antimuslimischen Rassismus und Hass ihnen geliebte Menschen verloren haben, sondern vor allem, dass sie diesem Rassismus und Hass mit Versöhnung und Zusammenhalt in ihren jeweiligen Gesellschaften geantwortet haben. Datum des Festaktes wird gesondert bekannt gegeben und wird voraussichtlich Ende des Jahres sein.

Die damals 50-Jährige Mevlüde Genç verlor bei einem von Rechtsradikalen verübten Brandanschlag am 29. Mai 1993 auf ihr Haus in Solingen, in dem ihre Familie lebte, zwei Töchter, zwei Enkelinnen und eine Nichte. „Frau Mevlüde Genç‘s menschliche Größe, ihre beispiellose Gabe, Hass und Zerstörung mit Barmherzigkeit und Versöhnung zu begegnen, sind tief beeindruckend, und macht sie zu einer Botschafterin des Friedens und der Zivilcourage. Dafür bewundern wir sie und sie wird uns deshalb stets ein großes Vorbild sein“, sagte der ZMD-Vorsitzende Aiman Mazyek aus Anlass der Preisverleihung.

Herr Farid Ahmad verlor seine 44 Jahre alte Frau Husna durch den rechtsradikalen Terroristen, der am 15.03.2019 zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch angriff. Sie ist eine der 51 Toten. Als die ersten Schüsse fielen, hat Husna Ahmad Frauen und Kinder aus dem Gotteshaus geführt, so ihr Ehemann, um dann ihren Mann zu retten, der an einen Rollstuhl gefesselt war. Doch dazu kam sie nicht mehr. „Ferid Ahmads Worte nach dem schrecklichen Terror haben sich bei uns alle im Gedächtnis eingebrannt, als er in diese für ihn so schweren Zeit gegen den Hass des Täters mit Werten unserer Religion antwortete: ‚Liebe statt Hass – Vergebung ist das Beste, Großzügigkeit, Liebe und Fürsorge‘“, führte Mazyek aus. Diese Worte sind ein Zeugnis menschlicher Größe und Ausdruck von großer Entschlossenheit, nämlich dem Täter mit Humanität zu begegnen und sich nicht von seinem Hass anstecken zu lassen. Herr Ahmads erste Reaktion nach Bekanntgabe der Ehrung durch den ZMD war, dass er den Preis gerne annimmt, aber nur wenn er ebenso dem couragierten neuseeländischen Volk gewidmet ist und seiner für Gerechtigkeit, Toleranz und Frieden aufopferungsvollen Ministerpräsidentin Jacinda Ardern.


Gedenkveranstaltung im Dresdener Landgericht

Gedenkveranstaltung im Dresdener Landgericht
ZMD-Vorsitzende Mazyek führte zu den Hintergründen des Preises weiter aus: „Das Vermächtnis Marwa El-Sherbinis drückt sich in ihrer Zivilcourage, ihrer Toleranz und in ihrem beispielhaften Eintreten für das durch das Grundgesetz verbriefte Recht auf uneingeschränkte Freiheit der Religionsausübung aus. Marwa tat dies in beeindruckender, mutiger und vorbildlicher Weise und musste am Ende mit ihrem Leben dafür bezahlen. Ihr Tod ermahnt uns alle wachsamer, wehrhafter und wirksamer als bisher, dem tendenziellen und offen gelebten Rassismus, der Islamfeindlichkeit in unserer Gesellschaft energisch, mit aller Kraft und Überzeugung entgegenzutreten. Wir werden Dich nie vergessen Marwa und immer für Dich beten, Ruhe in Frieden und möge der Allmächtige dich in seine Barmherzigkeit einschließen“.

Nach Angaben von Mazyek leben Marwas Mann und Sohn seit einigen Jahren in den USA. Der Junge sei 13 Jahre alt und gehe in die sechste Klasse. «Er wird bald anfangen, über das Geschehen nachzudenken.» Der Witwer versuche noch immer, Abstand zu gewinnen. Der Mikrobiologe war damals Doktorand an einem Dresdner Max-Planck-Institut.

Im Anschluss an die Pressekonferenz wurde zu einer Gedenkveranstaltung im Dresdener Landgericht eingeladen. Dort versammelten sich um 13:00 Uhr an ihrem Todeszeitpunkt Vertreter der Justiz, Verwaltung und Politik, Muslime und Bürger im Gerichtsfoyer.

(dpa/mig/eigen)


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