Newsnational Freitag, 29.11.2019 |  Drucken

Minarett-Verbot hat Muslime in der Schweiz aufgerüttelt

Vor zehn Jahren sagten die Schweizer Ja zum Minarett-Verbot. Muslimische Gemeinden und Verbände haben seither ihre Öffentlichkeitsarbeit deutlich verstärkt - "Die mehrheitlich negativ geprägten Medienberichte machen es fast unmöglich, sich ein objektives Bild vom Islam zu machen.".

Zürich (KNA) "Eine Ohrfeige" sei es gewesen, als sich die Schweizer vor zehn Jahren mit einem Stimmenanteil von 57,5 Prozent für ein Minarett-Verbot aussprachen. So empfindet Pascal Gemperli, Sprecher der Föderation Islamischer Dachorganisationen Schweiz (FIDS), das Ergebnis von damals. "Dieses Verbot löst überhaupt keine Probleme", lautet heute sein Fazit. Im Gegenteil: "Viele Muslime empfinden es als eine Diskriminierung." Wenn es wirklich Schwierigkeiten in den islamischen Gemeinden gebe, sei das "sicher nicht auf einen Turm zurückzuführen".

Die muslimischen Verbände der Alpenrepublik entschlossen sich nach dem 29. November 2009, die Bevölkerung aktiver zu informieren. Die Öffentlichkeitsarbeit wurde verstärkt; regelmäßig werden auch Nicht-Muslime zu Besuchen und Veranstaltungen in Moscheen eingeladen. So gesehen, meint Gemperli, habe die Minarett-Abstimmung auch ihr Gutes gehabt: Die Muslime hätten sich seither besser organisiert.

Dennoch stürzen sich die Medien nach Auffassung des 41-Jährigen bei jedem Konflikt in oder mit islamischen Gemeinden auf deren Vertreter. Dann, so der Konvertit und Kommunikationsprofi, würden furchtbare Szenarien geschildert. Er wolle die Konflikte nicht kleinreden, versichert Gemperli. Er wehre sich aber dagegen, dass "der Islam" dann immer als Ganzes negativ dargestellt werde. So sei es auch vor der Minarett-Verbotsinitiative geschehen. "Wenn es Probleme in einer Gemeinde gibt, dann nehmen wir uns dessen an, um Lösungen zu finden", so der FIDS-Sprecher.

Für ihn steht fest, dass sich das Ja zum Minarett-Verbot negativ auf das Gemeindeleben der Muslime im Land ausgewirkt hat: "Wir wurden durchgeschüttelt." Zwar engagierten sich junge Muslime heute vermehrt; sie seien aber zugleich zurückhaltender und wollten nicht als Gläubige erkannt werden. So fielen im Alltag nicht selten islamische Grußformeln weg, oder Eltern entschieden sich für neutraler klingende Vornamen für ihre Kinder. "Es findet leider auch ein Rückzug statt", so Gemperli.Mit Blick auf die kontroverse Debatte über eine aktuelle Burka-Verbotsinitiative kommt er dennoch zu dem Schluss, dass die ganze Schweizer Gesellschaft inzwischen dazugelernt habe. Heute werde über solche Fragen viel differenzierter diskutiert.

Imam Bekim Alimi, Vorsteher einer albanischen Moschee in Wil im Kanton Sankt Gallen, sieht keine gravierenden Auswirkungen durch das Minarett-Verbot. 2017 wurde in Wil die neue Moschee mit einem Begegnungszentrum eingeweiht. Auf ein ursprünglich geplantes Minarett wurde schließlich verzichtet. Das bringe weder für ihn noch für die Gemeinde religiöse oder theologische Einschränkungen mit sich, sagt Alimi.

Untersuchungen des Zentrums Religionsforschung an der Uni Luzern bestätigen diesen Eindruck. Das Verbot von 2009 habe im Alltag der Schweizer Muslime praktisch kaum etwas verändert: Minarette seien nicht entscheidend. "Die Gläubigen erhalten die Erinnerung an die Gebetszeiten über eine App oder haben sie im Kopf", meint Religionswissenschaftler Andreas Tunger-Zanetti.

Der Experte erinnert sich aber noch gut an die Reaktionen aus wissenschaftlichen Kreisen im Ausland: "Die Schweiz wurde als das Land mit dem Minarett-Verbot bekannt. Viele hatten dafür nur Kopfschütteln übrig." Aber das sei nun mal das Resultat der im Land praktizierten direkten Form der Demokratie. Und, ergänzt Tunger-Zanetti: Wäre damals in vergleichbaren Ländern abgestimmt worden, wäre es wohl zu ähnlichen Resultaten gekommen.

Pascal Gemperli blickt indes nicht ohne Sorgen in die Zukunft: "Die mehrheitlich negativ geprägten Medienberichte machen es fast unmöglich, sich ein objektives Bild vom Islam zu machen." Dazu passe auch die Burka-Verbotsinitiative.

"Die Schweiz will ernsthaft über eine Kleidervorschrift in der Verfassung abstimmen. Doch wir wissen noch nicht einmal, wie viele solcher Kleidungsstücke es in der Schweiz überhaupt gibt", kritisiert der FIDS-Mann. Den Initiatoren gehe es wahrscheinlich darum, Muslime generell als "gesellschaftliches Problem" darzustellen. Gemperli hingegen will nach eigenen Worten weiter daran arbeiten, "das friedliche Zusammenleben zu stärken".




Ähnliche Artikel

» Schweiz gegen die Religionsfreiheit
» Muslime - Sündenböcke in der Krise

Wollen Sie einen
Kommentar oder Artikel dazu schreiben?
Unterstützen
Sie islam.de
Diesen Artikel bookmarken:

Twitter Facebook MySpace deli.cio.us Digg Folkd Google Bookmarks
Linkarena Mister Wong Newsvine reddit StumbleUpon Windows Live Yahoo! Bookmarks Yigg
Diesen Artikel weiterempfehlen:

Anzeige

Hintergrund/Debatte

Nürnberger Tage für Migration - Beitrag zur Veranstaltung vom 21. – 22. November 2019
...mehr

ZMD Generalsekretär Abdassamad El Yazidi nimmt zum zweiten Mal an der Internationalen Sufi Konferenz für Spiritualität in Madagh / Marokko teil
...mehr

Muhammad Sameer Murtaza (langjähriger Autor von islam.de): "Gewaltlosigkeit im Islam" - die wichtigsten Akteure und Bewegungen der muslimischen Friedensethik
...mehr

Juden, Christen und Muslime gegen Euthanasie und Suizid-Beihilfe - Kabinett aus u.a. Papst Franziskus, Großrabbinat von Israel, sowie Scheich Abdullah Bin Bayah
...mehr

Die Universität Tübingen sieht "keinerlei Belege" für Vorwürfe, dass es am Zentrum für Islamische Theologie (ZITh) ein "Netzwerk der Muslimbrüder" gebe
...mehr

Alle Debattenbeiträge...

Die Pilgerfahrt

Die Pilgerfahrt (Hadj) -  exklusive Zusammenstellung Dr. Nadeem Elyas

88 Seiten mit Bildern, Hadithen, Quran Zitaten und Erläuterungen

Termine

Islamische Feiertage
Islamische Feiertage 2019 - 2027

Tv-Tipps
aktuelle Tipps zum TV-Programm

Gebetszeiten
Die Gebetszeiten zu Ihrer Stadt im Jahresplan

Der Koran – 1400 Jahre, aktuell und mitten im Leben

Marwa El-Sherbini: 1977 bis 2009