Newsnational Donnerstag, 04.03.2004 |  Drucken

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Hanau: Ein Vorbild für andere Städte

Der Muslimische Arbeitskreis Hanau pflegt ein hervorragendes Verhältnis zu den städtischen Institutionen

(iz)Der Muslimische Arbeitskreis Hanau stellt einen Zusammenschluss von sechs islamischen Vereinen und Moscheegemeinden in Hanau dar und umfasst damit fast alle muslimischen Vereine der Stadt. Die Industriestadt Hanau, östlich von Frankfurt am Main gelegen, hat einen verhältnismäßig hohen muslimischen Bevölkerungsanteil von etwa 18.000 Menschen bei einer Gesamteinwohnerzahl von rund 92.000. Der Muslimische Arbeitskreis Hanau (MAH) versteht sich als Integrationsforum der Hanauer Muslime und konzipiert „als Forum einer neuen Generation von Muslimen, die sich als Teil dieser Gesellschaft verstehen und ihre Verantwortung darin sehen, sich aktiv in die gesellschaftliche Debatte einzubringen unter Berücksichtigung der islamischen Position“, wie es in einer Selbstdarstellung des MAH heißt.

Muslime setzen sich für das Allgemeinwohl ein

Der MAH pflegt unter der Leitung seines langjährigen Vorsitzenden Behlül Yilmaz sehr gute und enge Kontakte zur Hanauer Stadtverwaltung und insbesondere zum Hanauer Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) sowie Herrn Wolfgang Schwab vom Ausländerbeirat. Seit seiner Gründung 1999 hat der MAH etliche Projekte und Aktionen durchgeführt, die auf allgemein positive Resonanz stießen - auch deshalb, weil viele der Projekte nicht nur muslimische Belange betrafen, sondern allen Hanauer Bürgern zugute kamen. „Ziel des MAH ist es, sozialverantwortliches Engagement und Integrationsarbeit sinnvoll miteinander zu verbinden“, heißt es dazu in der Selbstdarstellung. Im folgenden sollen einige der Aktivitäten aufgezählt werden: Spendenaktionen für das Klinikum der Stadt Hanau für ein Therapiegerät für die Behandlung krebskranker Patienten; für die Hilfsorganisation Internationale Humanitäre Hilfe e.V. (IHH) zugunsten afghanischer Kriegsflüchtlinge; für das St.Vinzenz-Krankenhaus Hanau für die Bestattung von Früh- und Fehlgeburten sowie jüngst zugunsten mehrerer Hanauer Schulen zum Ausbau von Bibliotheken sowie der Sanierung von Schulhöfen. Der MAH hat zudem dazu beigetragen, dass seit Mitte 2000 im städtischen Klinikum Hanau regulär Halal-Kost auf dem Speiseplan angeboten wird, also Essen, das mit gemäß islamischer Vorschrift geschlachtetem Fleisch zubereitet wird. Der MAH hat auch eine Informationsveranstaltung für Ärzte und Pflegepersonal des Stadtklinikums zum Thema „Umgang mit muslimischen Patienten“ durchgeführt, die Einrichtung eines muslimischen Gräberfelds auf dem Hanauer Friedhof in Zusammenarbeit mit dem Ausländerbeirat der Stadt sowie der Islamischen Religionsgemeinschaft Hessen (IRH) erreicht, eine Bücherspende mit islamischer Literatur an die Hanauer Stadtbibliothek überreicht und nach der Flutkatastrophe in Ostdeutschland 2002 Spenden für einen davon schwer betroffenen Kindergarten gesammelt. Des weiteren hat der MAH sich in großer Zahl an einem Trauermarsch nach dem 11. September und an Friedenskundgebungen anlässlich des Irak-Kriegs zusammen mit der Friedensplattform Hanau beteiligt, eine Podiumsdiskussion mit Hanauer Politikern zum Irak-Krieg organsiert sowie im Sommer 2003 im Rahmen der Interkulturellen Tage das „Islamobil“ zu Gast auf dem Hanauer Marktplatz gehabt, begleitet von einem umfangreichen und sehr gut besuchten Rahmenprogramm mit Informationen zum Islam sowie Spiel und Spaß für alle Altersgruppen.

Spenden für Hanauer Schulen

Erst kürzlich, am 25.02.2004, übergab der Muslimische Arbeitskreis Hanau dem Oberbürgermeister einen Scheck mit einer Spende von 3.200 Euro, die in den Moscheegemeinden Hanaus und auf dem traditionellen Stand des MAH auf dem Hanauer Weihnachtsmarkt gesammelt worden waren und vier Hanauer Schulen zugute kommen. Die Gelder fließen bei der Otto-Hahn-Schule und der Brüder-Grimm-Schule in deren Schulbibliotheken, bei der Pestalozzi-Schule in die Sanierung und attraktivere Gestaltung des Schulhofs sowie bei der Eberhardt-Schule in die Anschaffungs eines Laptops zu Unterrichtszwecken. Der Spendenscheck wurde im Hanauer Rathaus in Anwesenheit des Oberbürgermeisters, Herrn Claus Kaminsky, des für das Schulverwaltungsamt zuständigen Stadtrats Herrn Rolf Frodl, Vertretern der Schulleitungen und Fördervereinen der Schulen sowie seitens des MAH Vertretern muslimischer Vereine und Einrichtungen übergeben. Die Lokalpresse war anwesend und berichtete am nächsten Tag mit einem Aufmacher auf der Titelseite des Lokalteils und in ausgesprochen positiver Art über das Ereignis. Oberbürgermeister Kaminsky lobte in seiner Ansprache anlässlich der Spendenübergabe das Engagement des MAH, dessen Spendenaktionen mittlerweile schon so etwas wie eine „kleine Tradition“ geworden seien, und welche als ein positives Beispiel für Bürgersinn und Bürgerengagement für das Gemeinwohl zu betrachten seien - etwas, das dringend nötig, aber immer seltener vorhanden ist, und das insbesondere dann, wenn es von Muslimen komme, etwas ganz Besonderes und auch von symbolischer Bedeutung sei, unabhängig wie hoch der entsprechende Betrag auch sein mag. Kaminsky wertete das Engagement des MAH als „Zeichen für respektvolles und tolerantes Miteinander“. Der Schuldezernent Herr Frodl schloss sich dem an und wies darauf hin, dass gerade die Schulen und auch die Schulbibliotheken besondere Orte der Begegnung seien und man nichts unterlassen solle, was Begegnungsmöglichkeiten stiftet. Für den MAH sprach Asma Hajjout, eine der zahlreich anwesenden jungen muslimischen Frauen. Sie erläuterte, dass der MAH angesichts des heutigen Sparkurses der Politik mit seiner Spende einen Beitrag für die Schulbildung, aber auch für die Integration leisten wolle, und dankte dem Oberbürgermeister Kaminsky, Herrn Schwab vom Ausländerbeirat und der Stadt Hanau für die gute Kooperation sowie die Möglichkeit, sich als MAH auch auf dem alljährlichen Weihnachtsmarkt präsentieren zu können. Nach der Scheckübergabe durch den MAH-Vorsitzenden Herrn Behlül Yilmaz äußerten sich Vertreter der Schulen. Der Rektor der Brüder-Grimm-Schule bedankte sich herzlich und erklärte, man wolle mit dem Spendenbetrag Bücher mit Märchen aus aller Welt für die Schulbibliothek anschaffen. Ebenso dankten die anwesenden Vorsitzenden und Mitglieder der jeweiligen Födervereine der Elternschaft der anderen drei Schulen und erläuterten den beabsichtigten Verwendungszweck. Oberbürgermeister Kaminsky ergänzte dazu, dass jenseits der zwischen Verwaltung und Förderkreisen umstrittenen Finanzfragen diese Fördervereine auch zur Identifikation mit der Schule beitrügen und einen Ansatzpunkt für die weitere Entwicklung des in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern noch weit unterentwickelten Förderkreis- und Stiftungswesens bilden könnten. In diesem Bereich sei Deutschland „noch eher rückständig“. Schuldezernent Frodl erklärte abschließend, dass der MAH seitens der Stadt Hanau auch weiterhin „herzlich willkommen“ sei: „Da dürfen sie uns beim Wort nehmen.“

Zentraler Ansprechpartner für die Stadtverwaltung

Oberbürgermeister Kaminsky erklärte gegenüber der IZ, dass die Zusammenarbeit mit dem Muslimischen Arbeitskreis hervorragend funktioniere. „Ich bin sehr dankbar, dass es den MAH gibt, denn für die Stadt stellt sich die Vielzahl der Moscheevereine als sehr schwieriges Gebilde dar. Daher sind wir dakbar, dass wir mit dem MAH einen zentralen Ansprechpartner haben, wo die Interessen der muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürger im Vorfeld gebündelt werden. Die gute Zusammenerbeit hat auch damit zu tun, dass es einen persönlichen Draht zwischen mir und dem Vorsitzenden Herrn Yilmaz gibt, den ich zu meinen persönlichen Freunden zähle.“ Als entscheidendes Thema sieht Herr Kaminsky die Frage der Integration und wie man es gemeinsam schaffen könne, dafür zu sorgen, „dass die Bürger, egal welchen Glaubens, auch in Zukunft so friedlich und gedeihlich miteinander umgehen, wie das im Moment der Fall ist. Das ist keine Selbstverständlichkeit, wie wir aus manch anderer Stadt wissen, sondern das hat etwas mit den Akteuren vor Ort zu tun.“ Als zentrales Einzelthema sieht Kaminsky dabei das Thema Sprachförderung und wie diese realisiert werden kann, denn dabei gehe es um Chancengleichheit gerade für Jugendliche. Muslimische Eltern schickten ihre Kinder beispielsweise bisher noch zu wenig in städtische Kindergärten, um eine vorschulische Sprachbildung zu ermöglichen. Das Entscheidende sei, miteinander statt übereinander zu reden und eine gewisse Vertrauenskultur zu entwickeln, was nicht heiße, dass man sich in jeder Frage verständigen müsse. „Im Gegenteil, gerade bei den Fragen, bei denen man unterschiedlicher Auffassung ist, dort bewährt sich eine Vertrauenskultur, da man in wechselseitigen Respekt diese Position entgegennimmt und nicht als politische Kampfspiele mit Medienauseinandersetzungen spielt, weil das meiner Meinung nach im Ergebnis niemandem wirklich nutzen würde“, so Kaminsky. Die Zusammenarbeit mit dem MAH habe von Anfang an gut funktioniert, jedoch habe dies auch immer mit den beteiligten Personen und deren Verhältnis zueinander zu tun. „Die Chemie hat einfach gestimmt“, sagt Kaminsky mit Blick auf sein gutes persönliches Verhältnis zum MAH-Vorsitzenden Behlül Yilmaz, „und insofern gab es da auch keine Berührungsängste“. Die Bekanntschaft sei gewachsen durch verschiedene Projekte sowie die Tatsache, dass der MAH sich im Sinne der Gesamtbürgeschaft engagiere, statt lediglich Lobbyist für einen Teil der Bevölkerung zu sein. „Hier sind Menschen ehrenamtlich tätig, die das Ganze, das Gemeinwohl sehen, und das ist die beste Grundlage“, resümiert der Oberbürgermeister. Neben der Absicht, Ansprechpartner für städtische und nichtstädtische Stellen zu sein, sei aber auch die Förderung der internen Zusammenarbeit unter den Muslimen der Stadt entscheidend für die Gründung des MAH gewesen, berichtet Behlül Yilmaz, der vor seiner Tätigkeit im MAH bereits sieben Jahre lang im Ausländerbeirat tätig war, wo er viele Kontakte in der Stadt knüpfen konnte, und der auch SPD-Mitglied ist. Anfänglich auch anzutreffende Vorurteile auf nichtmuslimischer Seite habe man relativ schnell abbauen und Akzeptanz gewinnen können. Neben der Stadt Hanau bestünden auch Kontakte zu den Parteien, zu Vereinen und Medien. Anders als in anderen Städten, wo Kontakte von Muslimen sich vorwiegend auf den „Interreligiösen Dialog“ beschränken, ist in Hanau das Verhältnis zu den Kirchen eher weniger gut, da man mit den Kirchen enttäuschende und negative Erfahrungen gemacht hat. Ihnen sei es laut Herrn Yilmaz nicht um eine aufrichtige Zusammenarbeit gegangen. Die Spenden für die Aktionen seien sowohl in den Moscheen, etwa nach dem Freitagsgebet, als auch auf dem Weihnachtsmarkt gesammelt worden, erklärt Ahmed Bulih vom MAH. Die Moscheegemeinden hätten sehr schnell die Wichtigkeit der Arbeit des MAH verstanden und beteiligten sich sehr gut daran, berichtet Bulih. Unterstützung habe der MAH gerade in der Anfangszeit auch von der Islamischen Religionsgemeinschaft Hessen (IRH) erhalten. Der MAH soll zudem in nächster Zeit zu einem eingetragenen Verein (e.V.) werden, erklärt Tayyib Schemseddin, der das Islamische Informations- und Jugendzentrum im MAH vertritt. Der MAH möchte sich dann noch stärker in der Sozial- und Jugendarbeit auf Stadtebene engagieren, so Schemseddin. Außerdem wolle man noch stärker „Integrationsarbeit unter Muslimen“ leisten, so Ahmed Bulih, also die Kontakte und den gegenseitigen Austausch zwischen den einzelnen Moscheevereinen der Stadt intensivieren. „Wenn man positive Öffentlichkeitsarbeit machen will, muss man zeigen, dass man nicht nur die Interessen der Muslime vertritt, sondern sich für die gesamte Gesellschaft engagiert, für Kinder, Kranke, Behinderte und andere, statt nur an eigene Interessen zu denken“, erklärt Ahmed Bulih das Erfolgsrezept des MAH.

Kontakt: Muslimischer Arbeitskreis Hanau Tel. 0173-3113467 E-mail: mah@my-muslim.de




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