Newsinternational Freitag, 27.02.2009 |  Drucken

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Wer wird Milionär? Von Hanif Salter

Finanzkrise als Seelenkrise – die Glaubensnöte der globalen Maximierungs-Kultur

Die "Finanzkrise" ist eine Seelenkrise. Fixiert auf richtungslose Maximierung von Geld, Autos und Gigabytes, haben viele Menschen sich selber verloren. Es platzen jetzt nicht nur Spekulationsblasen, es droht ein Glaubenssystem zu platzen: der Glaube an ein abstraktes Mehr-und-Mehr, der seit Jahrzehnten dem Leben der Industrienationen einen Sinn gab. Aus psychologischer Sicht sind es weniger die maßlosen Finanzlöcher, die in nächster Zukunft die Gesellschaft beunruhigen werden, sondern mehr die Sinn-Löcher und Konflikte, die sich auftun, sobald „Mehr-und-Mehr“ nicht mehr als Ersatzgott funktioniert.

Mehr-Haben, Dazu-Bekommen, wachsende Zufuhr (und anderswo Abnehmen, Verwahrlosen, Entwenden) sind der alltägliche Ausdruck eines Kultur-Diktates, das die ‚Maximierung an sich’ zum Lebenssinn erhebt. Heute musst du mehr, schneller, besser als gestern und alle anderen sein. Die Wechsel-Monotonie der Moden, die wechselnden „Beziehungskisten“, die sinnlosen Leistungssteigerungen in Sport und Technik („mehr Pixel“) sind der alltägliche Ausdruck des Maximierungs-Zwangs. Alles geht! Und alles MUSS gehen, nie ist es genug, daher ständige Schuldgefühle, ständige Unzufriedenheit, ständige Überforderung.

Fetisch der abstrakten Maximierung ist das Geld. Am Geldwachstum wird das exzessive Maximieren, Mehrbekommen, Beschleunigen festgemacht. Die Finanzspekulation ist also keine Panne, sondern die konsequente Durchführung der seelenlosen Maximierungs-Logik. Doch nicht nur in Geldform, überall im Alltag haben sich Spekulationsblasen ausgebreitet: Internet-Communities statt wirklicher Freundschaften, Über-Perfektion statt Realitätssinn, Wortblasen statt Analyse. „Wer wird Millionär?“ und „Deutschland sucht den Superstar“ feiern den aufwandsfreien Spekulationsrekord. Erlebnis-Shopping ersetzt die geduldige Lebensentwicklung, der PC die Auseinandersetzung mit dem Ehepartner. In monströsen Netzwerken versüßen „Candy Girls“ die von Spekulanten ‚gestaltete’ Welt.

Die „Bankenkrise“ hat die Bodenlosigkeit dieser ganzen Lebensform spüren lassen (und sogleich ein großangelegtes Verdrängungsprogramm auf den Plan gerufen). „Kredit“ kommt von „credere“, das heißt „glauben“. Offensichtlich beginnt der Glaube an die lebensfernen Abstraktionen zu schwächeln, die unser Leben bestimmen, der Glaube an Geld, der Glaube an Fortschritt, an mühelose Sofortgewinne, der Glaube an Deregulierung und Anything Goes. Inzwischen ist, fast im Stillen, der verzweifelte Staats-Glaube für diese ganze wankende Glaubenswirtschaft eingesprungen. Wahrscheinlich handelt es sich dabei, wie das Beispiel Island zeigt, auch nur um eine Episode. Und was dann?

Was keine Kirche, keine Partei, keine europäische Tradition mehr geschafft hat, das macht jetzt das Maximierungssystem selber: es enthüllt seine zerstörerischen Konsequenzen. Abstrakte Spekulation ruiniert konkrete Produktion. Die geheime Sklaverei des Mehr-und-Mehr verspricht kein befriedigendes Leben, sie erzeugt leere Spekulationsblasen („Derivate“) in sämtlichen Lebensbereichen. Seit Ende 2008 wird diese Sinn-Krise zunehmend bewusst - bzw. heftig verdrängt. Es gibt jetzt zwei Möglichkeiten: Entweder die Glaubenskrise wird wieder mit Allgemeinplätzen, Süßigkeiten, Fast Food, Medien-Palaver, Kaufrausch, TV-Schnulzen usw. überdeckt. Oder das starre Maximierungs-Dogma wird infrage gestellt, seine sozialen und seelischen Kosten werden aufgerechnet. Dann wäre die Krise eine Chance zum Neuanfang – für einen neuen Realismus und einen neuen Glauben.

Passend heisst es dazu im Koran (Sura 102, Vers: 1-8):
„Besessen seid ihr von der Gier nach Mehr und Mehr, Immerfort, bis ihr in eure Gräber hinabsteigt. O, einmal werdet ihr es schon wissen! O, einmal werdet ihr es schon wissen! O, wenn ihr es doch mit dem Wissen der Gewissheit wüsstet, würdet ihr der Hölle um euch gewahr. Über eine Weile jedoch werdet ihr sie mit dem Auge der Gewissheit gewahren: Und an jenem Tag wird man euch befragen, was ihr mit dem Gnadengeschenk des Lebens getan habt.“



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