Newsnational Mittwoch, 04.05.2011 |  Drucken

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"Euro-Islam" mit muslimischem Leben füllen?!

Über Benjamin Idriz Buch „Grüß Gott, Herr Imam! Eine Religion ist angekommen“ - Von Stefan Jakob Wimmer

Man sollte sich vom Titel dieses Buches nicht irritieren lassen. Was es zu sagen hat, ist nicht speziell für Süddeutschland relevant. Dabei ist der Buchtitel schon sehr gehaltvoll: Das bayerische „Grüß Gott!“ und ein Buch über Islam – für immer noch erschreckend viele Menschen stecken darin schon begriffliche und inhaltliche Widersprüchlichkeiten. Schließlich gibt es Muslime, die meinen, sie müssten sich möglichst allem, was hierzulande Tradition hat, verweigern und sich bis in den Sprachgebrauch hin abgrenzen und unterscheiden. Und Nicht-Muslime, deren Wahrnehmung vom Islam sich auf die eben genannten Muslime beschränkt, und die es schon für hinterhältige Verstellung halten, wenn Muslime „Gott“ anstelle von „Allah“ sagen. Das alles rückt das Buch schon im Vorwort zurecht und stellt fest, dass es ausgerechnet in einer oberbayerischen Kleinstadt, in Penzberg 50 km südlich von München, möglich wurde, „dass der Imam seinen Platz im gesellschaftlichen und kulturellen Gefüge der Stadt einnimmt, dass er – und seine Islamische Gemeinde – ein Teil davon ist.“ Wenn der Islam aber selbst in Bayern als „angekommen“, wie es der Untertitel proklamiert, akzeptiert werden kann, dann ist die Hoffnung begründet, dass das überall gelingen kann.
Das ist das eine, das dieses Buch auszeichnet: es macht Hoffnung! Denn der Autor schreibt mit der Autorität eines Hafis, der den Koran schon als Kind vollständig auswendig beherrscht hat, er schreibt mit der Verwurzelung in einer über viele Generationen zurückreichenden Familienlinie von Imamen, er schreibt aus der intimen Vertrautheit mit den muslimischen Kulturen des Balkans ebenso wie der Türkei und der Arabischen Welt heraus, und er schreibt auf dem soliden Fundament vieljähriger Praxiserfahrung mit der Wirklichkeit der Muslime in Deutschland. Das allein schon zeichnet dieses Buch vor allem aus, was bisher im deutschen Sprachraum über Islam geschrieben wurde und begründet eindrucksvoll die Kompetenz des Autors aus muslimischer Sicht. Gleichzeitig bekennt sich der Imam engagiert zu seiner Identität als Europäer. Er ist hier kein Fremder. 1972 im damals jugoslawischen Mazedonien geboren, teilt er mit der großen Mehrzahl der hier lebenden Muslime die Erfahrung der Migration und kennt wie sie die Spannung zwischen der Verbundenheit zu einem Land, in dem man selbst oder die Elterngeneration geboren wurde und dem Land, in dem man selbst und die eigenen Kinder das Leben und die Zukunft einrichten. Und doch steht außer Frage, dass er als Muslim nicht weniger Europäer ist, als Bayern, Rheinländer, Franzosen oder Dänen.

Strapazierte Begiff Euro-Islam

So ist es nur konsequent und geradezu unvermeidlich, dass sich eines der zehn Kapitel auf die Frage nach dem viel strapazierten Begriff „Euro-Islam“ bezieht. Imam Idriz gehört nicht zu denen, die den Begriff rundheraus ablehnen, weil sie darin verschwörerische Absichten des „Westens“ wittern, mit dem Ziel, den Islam auszuhöhlen. Ohne solche und ähnliche Ängste zu ignorieren, geht es ihm darum, den Islam im europäischen Kontext zu interpretieren. Das ist durchaus nichts Neues. Man muss ja nicht einmal auf die lange zurückliegenden Auftritte des Islam auf dem europäischen Kontinent in Andalusien, Sizilien und im Osmanischen Osten zurückgreifen. Noch zum Ende des 19. Jahrhunderts fingen die bosnischen Muslime an, ihr ebenso originär islamisches wie originär europäisches Selbstverständnis theologisch fundiert zu entwickeln. Die Dynamik dazu verdanken sie der spezifischen historischen Konstellation, die das zu wesentlichen Teilen muslimische Land unter österreichische Herrschaft geraten ließ und damit die Muslime aus der weltlichen Regierungsgewalt eines Sultans und Kalifen (man kann es im Ergebnis nur so sagen:) befreite. Die Erfahrung von der Freiheit der Religion, die Muslime auf europäischem Boden erleben, ist eine im besten Sinne fundamentale, und aus ihr schöpft das theologische Denken von Imam Idriz erkennbar Kraft und Wärme.
So ist für ihn nicht vorstellbar, dass der Islam Staats- und Gesellschaftssysteme im Sinne eines so genannten „Gottesstaates“ fordert oder auch nur befürwortet. In der Institution des Kalifats, die weder im Koran noch in der Sunna verankert ist, sieht er einen Irrweg mit für die Muslime verhängnisvollen Folgen, der vollkommen zurecht „auf Nimmerwiedersehen in der Geschichte begraben“ wurde. In den Kapiteln „Islam und Politik“ und „Die Scharia und das Grundgesetz“ begründet er, wohlgemerkt immer entlang der islamischen Quellen und unter Einbeziehung der entsprechenden Strömungen, die die islamische Tradition vielerorts schon hervorgebracht hat, dass der Islam und die allgemein menschlichen Werte wie Freiheit und Gleichheit, Rechtstaatlichkeit und Demokratie, Frieden und Toleranz in keinerlei Konkurrenz zueinander stehen, sondern in Einklang miteinander verstanden werden müssen.
Das Buch enthält Teile, in denen der Autor theologische Modelle auf höchstem Niveau entwirft, etwa wenn im Kapitel „Vier Fundamente für eine islamische Theologie in Deutschland“ nach Verdammung des dogmatisch erstarrten Theologieverständnisses vergangener Jahrhunderte mit der Forderung nach einer auf den Menschen bezogenen, „horizontalen Theologie“ ein radikal zukunftsweisender Anspruch aufgestellt wird. Die Beziehungen zwischen Gott und Mensch, Text und Vernunft, Diesseits und Jenseits sowie Religion und Staat sind mehr partnerschaftlich, weniger durch Konkurrenz und Dominanz bestimmt, auszuleuchten: Ein als drohender Machthaber vorgestellter Gott „löst bei den Gläubigen Furcht und Zurückhaltung aus, bei den Atheisten hingegen die Verleugnung Gottes. … Für den Menschen ist Gott kein zu fürchtender Herrscher, sondern ein Freund, bei dem der Mensch Zuflucht vor seinen Ängsten sucht; für Gott ist der Mensch ein Geschöpf, mit dem er die Welt aufbaut.“ – „Ein Verständnis des Glaubens, das sich von der Vernunft und Erkenntnis entfernt, wird Fanatismus hervorbringen und in Widerspruch mit den natürlichen Werten des Lebens gelangen.“ – „Ein religiöser Diskurs, der auf die Angst vor dem Jüngsten Tag ausgerichtet ist, gibt vielen Gläubigen das Gefühl der unmittelbaren Gegenwart dieser fernen Zukunft. … Für eine gesunde, schöne, sichere und glückliche Welt braucht man genauso viel Zuwendung wie für das Jenseits, selbst wenn sie vergänglich ist.“ – „Das Ziel ist, eine Ordnung zu schaffen, deren Hauptanliegen die Wahrung der Freiheit und Menschenrechte sein wird. Dies kann weder durch die Kontrolle des Staates durch die Religion verwirklicht werden noch durch die Kontrolle der Religion durch den Staat.“

Werte des Islam

An anderen Stellen führt Imam Idriz universelle Werte des Islam ganz behutsam und in traditioneller Weise ein, mit Koranzitaten und Belegen aus der Sunna (auch wenn die Ergebnisse manchen Traditionalisten irritieren mögen): „Die Gesetze des Landes zu befolgen“, „die Menschenwürde zu achten“, „die Freiheit zu verteidigen“, „für den Pluralismus einzutreten“, „die Gleichheit zwischen den Geschlechtern und in der Gesellschaft herzustellen“, „stets im Dialog zu bleiben“ – das und noch manches mehr sind nicht etwa Zugeständnisse an eine westliche Moderne, sondern es sind durch und durch islamische Werte.
Ganz konkret und ausführlich wird das im Kapitel „Frauen im Islam“ dargestellt. Dem Autor liegt dieser auch in der öffentlichen Diskussion zentrale Bereich besonders am Herzen. Seinen Forderungen an Muslime, Tabus aufzubrechen und – so der Untertitel des Kapitels: den „Weg zu neuen Reformen“ einzuschlagen, wird er auch hier in eindrucksvoller Weise gerecht. Er stellt alle Versuche, den Begriff „Gleichberechtigung“ muslimischerseits verbal zu umschiffen, als Auswege durch die Hintertür in Frage, um heute noch an einem nach wie vor weitgehend negativ geprägten Frauenbild festzuhalten. In der Moschee und in der Gesellschaft, bei der Erbverteilung, Zeugenschaft und selbstverständlich bei der Ehepartnerwahl gibt es, richtig verstanden, keine Grundlage für Benachteiligungen der Frauen. Zum Reizthema „Kopftuch“ argumentiert der Imam zunächst traditionell: „Es herrscht bei muslimischen Gelehrten beiderlei Geschlechts Einvernehmen über die Interpretation, dass die Bedeckung des Kopfes (des Haares) geboten sei“ – er verdammt aber die Extreme. Nicht nur das Zur-Schau-Stellen erotischer Reize ist verwerflich, sondern auch die Ganzkörperbedeckung einschließlich des Gesichts: „Schleier und Burka widersprechen der Menschenwürde“. Dagegen sollten aber nicht gesetzliche Verbote, wie etwa in Frankreich, eingesetzt werden, sondern islamische Aufklärung und gesunder Menschenverstand. Denn letztendlich geht es um die verantwortliche Entscheidung jeder individuellen Frau. „Es steht der Frau frei, ein Kopftuch zu tragen oder nicht zu tragen. Der Frau per Gesetz Vorschriften in Bezug auf das Kopftuch zu machen, ist weder von religiöser Seite noch von rechtlicher akzeptabel. Bei beiden besteht ein Recht auf freie Wahl der Kleidung. … Das Kopftuch ist weder das Maß der Frömmigkeit noch ein Gegenbeweis für die Integration. Das heißt, eine Frau mit Kopftuch muss nicht zwangsläufig religiöser sein als eine ohne Kopftuch, und eine Frau ist nicht unbedingt besser integriert, wenn sie kein Kopftuch trägt.“
Das alles wird nicht jeder begrüßen. Islamfeindliche Strömungen fühlen sich durch Imam Idriz naturgemäß ganz besonders aufgeschreckt, stellt er doch ihr Weltbild auf den Kopf und ihren Daseinszweck in Frage, wenn er nachweist, dass der Islam anders ist, oder jedenfalls anders sein kann und sein sollte, als es ihre ausschließlich konfrontativ ausgerichtete Optik zulassen möchte. Das ist auch der Hintergrund für die seit Jahren schwelende Kontroverse um Imam Idriz und seine Gemeinde, auf die das Buch nur en passant zu sprechen kommt. Von islamophoben Kreisen innerhalb des Bayerischen Innenministeriums ausgehend wurden sie beschuldigt, insgeheim verfassungsfeindliche Bestrebungen im Schilde zu führen und sogar „einen Gottesstaat nach iranischem Vorbild“ anzustreben…! Einschlägig bekannte Extremisten von den Organisationen „Pax Europa“ und „Politically Incorrect“ sind dankbar, dass sie sich auf ministerielle Verlautbarungen stützen können, wenn sie durch gezielte Aktionen den Frieden in Penzberg stören und den Imam zum zentralen Zielobjekt ihrer Hetzpropaganda machen. Die Vorgänge sind so haarsträubend, dass jüngst heftige politische Widerstände innerhalb der Bayerischen Staatsregierung zu einem gewissen Einlenken geführt haben.
Auf der Seite derer, die nicht bereit oder nicht in der Lage sind, den Islam so wie Imam Idriz zu verstehen, werden sich mit dessen zunehmender Prominenz freilich auch mehr und mehr Muslime melden. Auch wenn man vorher schon weiß, dass es nichts helfen wird, möchte man sie doch daran erinnern, dass es den starren, monolithischen Islam, der in allen Einzelheiten genau so ist, wie sie ihn einmal gelernt haben und ausschließlich gelten lassen, nicht gibt und nie gegeben hat. Es hat mit Spaltungsversuchen nichts zu tun, und es stellt die ewige Unveränderlichkeit der Offenbarung in keiner Weise in Frage, wenn man sich an der Vielgestaltigkeit der islamischen Kulturen durch alle Zeiten und Regionen als Bereicherung erfreut. Jede Zeit und jede Kultur hat dieselben Quellen von immer wieder neuen Voraussetzungen aus befragt, und dasselbe kann und muss für das Europa des 21. Jahrhunderts in Frage kommen. Die Totengräber der Muslime sollten weniger in einem vermeintlich feindlich gesinnten Westen gesucht werden, als unter denen, die eine lebendige Religion unter den Antworten und Zeitumständen früherer Jahrhunderte begraben wollen. „Als vitale Religion hat sich der Islam immer dann und dort erwiesen, wo sich die Muslime nicht an die Traditionen anderer Kulturräume und vergangener Epochen gekettet haben, sondern neue Antworten für ihre Lebenswirklichkeit suchten und fanden.“
So muss es jetzt darum gehen, dass nicht mehr Muslime gegen Nicht-Muslime ums Rechthaben streiten, sondern dass diejenigen, die in gegenseitigem Respekt an unserer gemeinsamen Zukunft bauen wollen, gegen solche zusammenstehen, die bekämpfen, was sie nicht verstehen. Das Buch von Imam Idriz wird sich auf diesem Weg als Meilenstein erweisen. Gerade weil es nicht beansprucht, „‘den Islam‘ letztgültig für alle Zeiten und Kulturen zu erläutern“, sondern weil es sich „als Beitrag zu einem Prozess versteht, der nie abgeschlossen sein wird. Die Debatte ist nicht nur der Weg, sondern in sich schon ein Ziel.“ Diese Debatte gilt es jetzt zu führen, damit Menschen in Deutschland in nicht allzu ferner Zukunft die Feststellung, der Islam sei hier angekommen, einfach nur als Selbstverständlichkeit betrachten.

Benjamin Idriz „Grüß Gott, Herr Imam! Eine Religion ist angekommen“ , Diederichs Vlg. München 2010, ISBN 978-3-424-35042-5, € 16,99.

Zum Autor: Stefan Jakob Wimmer, Ph.D arbeitet als Privatdozent im Institut für Ägyptologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München




Lesen Sie dazu auch:
Zentrum für Islam in Europa/München (ZIE-Me.V.)

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