Newsnational Dienstag, 26.05.2015 |  Drucken


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Intoleranz islamischer Gesellschaften gegenüber religiösen Minderheiten entpuppt sich als Vorurteil

Interreligiöse Gruppe aus Deutschland, darunter prominente Vertreter des ZMD, lernt marokkanische Weltläufigkeit kennen

Sie sind schon lange im interreligiösen Dialog in Deutschland aktiv. Da galt es zu erfahren, wie das Miteinander verschiedener Religionen und Kulturen anderenorts funktioniert. Eine Reise nach Ägypten hatte man bereits hinter sich. Nun wartete Marokko darauf, als Land in seiner kulturellen und auch religiösen Vielfalt entdeckt zu werden.

Auf Organisation des hessischen ZMD-Vorsitzenden Abdessamad El Yazidi, selbst marokkanischer Abstammung, reiste eine Gruppe aus sechs Muslimen, sechs Christen und drei Juden im April 2015 für sieben Tage in das nordwestafrikanische Königreich. Ihr Ziel bestand darin, marokkanischen Vertretern aller drei Konfessionen, aber auch einfachen Menschen in ihrem Alltag zu begegnen und zu erleben, wie in einer muslimisch dominierten Gesellschaft die beiden anderen abrahamitischen Religionen und nicht zuletzt das jüdisch-christlich geprägte Europa und Deutschland wahrgenommen werden.

Die prominent besetzte Reisegruppe, der u.a. die ZMD-Generalsekretärin Nurhan Soykan, der Vorsitzende des Deutsch-Islamischen Vereinsverbandes Rhein-Main (DIV) Abdelkarim Ahroba und die langjährig im interreligiösen Dialog aktive evangelische Pastorin Ilona Klemens angehörten, besaß in den sieben Tagen die Gelegenheit, in den drei marokkanischen Metropolen Casablanca, Rabat und Fes die bedeutendsten Ausbildungs- und Kultstätten des Judentums, des Christentums und des Islam zu besuchen und zu erleben, welchen Stellenwert die Religion in Marokko besitzt.

Die meisten christlichen und jüdischen Teilnehmer zeigten sich überrascht, mit welcher Offenheit die Einheimischen ihnen gegenübertraten und bereit waren, auf ihre Fragen und Anliegen einzugehen. Beeindruckt war man nicht nur von der Gastfreundschaft und Traditionsverbundenheit, sondern auch von der tiefgründigen Religiosität der Menschen, die in keiner Weise mit Skrupel oder gar Argwohn gegenüber der Moderne und der „anderen“ Kultur und Religion einherging.

Der Besuch des ersten und bislang einzigen jüdischen Museums der Arabischen Welt in Casablanca vermittelte den Besuchern einen Eindruck davon, wie die Juden über Jahrhunderte hinweg in diesem Land mit größter Selbstverständlichkeit und ungehindert durch die vom Islam geprägte Umgebung ihre religiösen Rituale praktiziert haben und sich als Teil der marokkanisch maghrebinischen Gesellschaft  verstanden.

Das Museum, aber auch die Besuche der jüdischen Kultstätten in Casablanca und Fes, demonstrierten den deutschen Gästen, dass trotz des Massenexodus in den 1950er Jahren, der quantitativ Muslime in gleichem Maße wie Juden betraf und im Wesentlichen ökonomisch motiviert war, die jüdische Religion immer noch ein fester Bestandteil des Königreichs darstellt. Eine jüdische Teilnehmerin der Reisegruppe drückte ihren größten Respekt für die Emotionalität aus, mit denen die Juden, ebenso wie Muslime und Christen in Marokko ihre religiösen Rituale praktizieren und dabei sogar bei den Besuchern der jeweils anderen Religion ein Gefühl der Besinnlichkeit zu vermitteln in der Lage sind.

Wenngleich das Christentum, anders als das Judentum, Jahrhunderte lang aus dem öffentlichen Erscheinungsbild Marokkos nahezu verschwunden war, hat die Einwanderung aus Europa, aber auch aus Schwarzafrika in den letzten Jahrzehnten auch den christlichen Glauben wieder zu einem sichtbaren Element der marokkanischen Großstadtkultur werden lassen. Nicht nur nimmt die muslimische Mehrheitsgesellschaft keinen spürbaren Anstoß an den religiösen Minderheiten, sondern deren Anliegen erfahren durch staatliche Verantwortungsträger einer islamischen Monarchie in einem Maße Entgegenkommen, wie es die Muslime in den meisten europäischen Staaten entweder gar nicht oder erst nach einem langwierigem öffentlichen Werbungsprozess zugestanden bekommen.

In der marokkanischen Hauptstadt Rabat konnte die Reisegruppe sogar ein staatlich unterstütztes ökomenisches Theologieinstitut, das al Mouwafaqa, erleben, an dem sowohl katholische als auch evangelische und reformierte Christen der unterschiedlichsten ethnisch-kulturellen Hintergründe zu Priestern und Pastoren ausgebildet werden. So viel innerchristlicher Pluralismus und ökomenischer Geist stellt selbst im christlich dominierten und vom politischen Pluralismus bestimmten Europa und Amerika eher die Ausnahme dar, wo gewöhnlich die jeweiligen Ethnien ihre eigenen Kirchen und Gottesdienste besitzen.

Aber auch die höchste islamische Geistlichkeit des Landes empfing die interreligiöse Reisegruppe in einer unerwarteten Offenheit. Im Mohammed VI. Institut für Imamausbildung in Rabat konnten sie über alle Themen – auch jene speziell religiöser Natur mit den Imamen und Ulemas diskutieren, ohne das Gefühl, missioniert oder vereinnahmt zu werden, vermittelt zu bekommen.

Wenn Repräsentanten der westlichen Öffentlichkeit über die vermeintliche oder tatsächliche Intoleranz islamischer Gesellschaften gegenüber religiösen Minoritäten sich mokieren, haben sie den Alltag in Marokko offenbar noch nie so hautnah und lebendig erfahren. Der interreligiösen deutschen Dialoggruppe haben die sieben Tage jedenfalls ausgereicht, um ihr bislang vorwiegend medial geprägtes Bild vom „verschlossenen islamischen Orient“ einstürzen zu lassen und zu erkennen, dass interreligiöser Dialog nicht in erster Linie auf Konferenzen mit ausgewählten Vertretern, sondern im unmittelbaren Gegenübertritt von Menschen verschiedenster Hintergründe und Glaubensvorstellungen besteht. Marokko bot ihnen hierfür ein optimales Anschauungsbeispiel. (Mohammed Khallouk)




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