Newsnational Donnerstag, 16.02.2017 |  Drucken


Islamisierung und Islandisierung - Die 67. Berlinale

Großes Kino im Wettbewerb - „Die andere Seite der Hoffnung“ - die Geschichte eines Geflüchteten

Bei den 67.  Internationalen Filmfestspielen in Berlin, der Berlinale, lief das Werk „Die andere Seite der Hoffnung“ in der Sparte des Wettbewerbs. Regisseur ist der 1957 geborene Finne Aki Kaurismäki. Er gehört zu den großen seiner Zunft. Bereits 2011 schaffte es sein Film „Le Havre“ in den Wettbewerb der Filmfestspiele in Cannes.

In diesem 98-Minuten langen Spielfilm „Die andere Seite der Hoffnung“ (Originaltitel: Toivon tuolla puolen) lernt der Zuschauer Khaled (überzeugend dargestellt von dem immer traurig schauenden Sherwan Haji) kennen. Mit seiner Schwester ist er aus Aleppo geflohen. Lange wollten sie Syrien, ihre geliebte Heimat, nicht verlassen.
Eines Tages aber kommt der Automechaniker von der Arbeit heim und das Haus seiner Eltern liegt in Schutt und Asche. Alle Familienmitglieder sind tot. Die Schwester hat nur überlebt, weil sie zum Zeitpunkt der Bombardierung stundenlang in der Stadt sich für ein Brot angestellt hatte. Während der Flucht verlieren sie sich aus den Augen. Khaled versteckt sich auf einem Frachtschiff und das löscht seine Ladung in Finnland. Der Syrer überlebt, weil „es auch gute Menschen gibt, Menschen, die keine Menschen in Häusern töten.“ Ein Matrose hatte ihn entdeckt an Bord und nicht verraten und ihn sogar mit Lebensmitteln versorgt.
Khaled stellt in Finnland einen Asylantrag. Bei der Befragung soll er den Behördenmitarbeitern mitteilen, wer für die Bombardierung seines Elternhauses verantwortlich ist. „Es waren die Regierungstruppen, es waren Oppositionelle, der ISIS, die Hamas, die Hisbollah, die Russen, die Amerikaner oder die Chinesen“, klagt er mit weinerlicher Stimme an. Er weiß nicht, wer die Mörder waren, aber er weiß ganz genau: „Meine Eltern, mein kleiner Bruder und mein im großen Haus lebender Onkel und meine Tante sind tot. Die Nachbarn und ich haben sie mit eigenen Händen ausgegraben.“ Man fragt den jungen Mann auch, wer ihm Geld für die Flucht gegeben habe. „Mein Chef, der Werkstattbesitzer. Seine Tochter und ich wollten heiraten. Kurz vor der Hochzeit war sie eines der ersten Todesopfer in diesem Krieg.“ Der Asylantrag wird abgelehnt, da Aleppo als sicherer Ort eingestuft wird. In Handschellen bringt man den Antragsteller zurück in die Asylunterkunft. Dort schaut er mit anderen Flüchtlingen im Fernsehen die Nachrichten. Man sieht einen internationalen US-Sender. Dieser berichtet gerade aus „dem so sicheren Aleppo“, wie Schulen und Krankenhäuser bombardiert werden. Khaled flieht am Tage seiner Abschiebung und hält sich illegal in Finnland auf. Hinter den Mülltonnen eines Restaurants hat er notdürftig sein Lager aufgeschlagen. Der schon in die Jahre gekommene Restaurantbesitzer Waldemar Wikstströms (herrlich dargestellt von dem stets nörgelnden Sakari Kuosmanen) prügelt sich zuerst mit diesem Eindringling. Dann jedoch nimmt er ihn ins Lokal mit hinein und gibt ihm zu Essen. Man will für diese Kreatur etwas Gutes tun. Natürlich baut Aki Kaurismäki wieder seine bekannten Elemente aus dem Genre Komödie ein. Man sucht für Khaled im Restaurant einen Schlafplatz. Die Vorratskammer ist nicht lang genug, damit dort eine Matratze ausgelegt werden kann. Ein Kellner meint: „Kann man die Matratze nicht schräg stellen? Dann schläft er eben in dieser Position.“ Es sind wieder wildfremde Menschen, die dem Syrer helfen. Der Restaurantbesitzer, der Kellner im Lokal und die beiden anderen Restaurantmitarbeiter. Am Ende sogar kümmert man sich darum, Khaleds Schwester, die es nach Litauen geschafft hatte auf der Flucht, nach Finnland zu holen. Alle Beteiligten nehmen dafür, im Gegensatz zu den Schleusern aus dem Nahen Osten, kein Geld. Wildfremde Menschen waren es auch, die Khaled zur Seite standen, als drei Glatzköpfe, die Lederjacken mit dem Aufdruck „Finnische Heimatfront“ ihn grundlos angegriffen hatten. Sie haben aus ihrer Sicht einen Grund für die Attacke. „Kameltreiber, verpiss dich aus unserem Land.“ Einer der Glatzköpfe greift Tage später Khaled mit einem Messer an und schreit dabei: „Hier, Du Jude, das ist für Dich“ und sticht mit einem Messer zu. Es sei verraten. Khaled, der Filmheld, überlebt den Angriff.

Auf der Pressekonferenz fragte man den Regisseur, ob es nicht doch eine Islamisierung in Europa gebe, daher haben eben einige Zeitgenossen Angst vor Fremden. Aki Kaurismäki antwortete: „Menschen flüchten vor dem Krieg. Dass Religionen friedlich zusammenleben können haben wir doch in Spanien erlebt. Alles änderte sich dort, als Philipp an die Macht kam vor knapp 500 Jahren und Menschen vertrieb. Ich sehe es nicht so, dass durch zu uns kommende Kriegsflüchtlinge eine Islamisierung stattfindet. Nur weil jetzt Island sehr guten Fußball spielt werden die Isländer Fußballnationen wie Brasilien und Deutschland nicht gefährlich. Es findet auch keine Islandisierung im Fußball statt.“ Der Künstler hatte auch gute Argumente parat für die Aufnahme von Flüchtlingen. „Heute flieht Khaled, morgen fliehst Du. Dann bist Du auch froh und dankbar, wenn man dir hilft. Wenn der Mensch sich nicht mehr menschlich verhält, was und wer ist er dann überhaupt?“ Mit einer Frage versuchte der Regisseur die Antwort zu geben: „Sind wir dann alle Teufel?“ Er als Filmschaffender wolle ja immer bescheiden bleiben, teilte Aki Kaurismäki mit: „Bescheiden wie ich bin, will ich mit dem Film nur die ganze Welt verändern. Am Ende dann reicht es nur zur Veränderung in Europa und vielleicht in Asien. Das ist doch auch schon etwas.“ Schauspieler Sakari Kuosmanen sagte: „Wir wollten mit dem Film eine Kultur der Menschlichkeit darstellen.“ Das ist allen Beteiligten bei diesem Werk gelungen-Ganz großes Kino im Wettbewerb der 67. Berlinale.

Die Berlinale-Jury hat Aki Kaurismäki am 18.2.2017 mit einem Silbernen Bären geehrt in der Sparte " Beste Regie."

(Volker-Taher Neef, Berlin)




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